Steffi von Wolff

Es war einmal...

Die Knebel von Mavelon

Ich lese gern und viel und irgendwann fiel mir auf, dass es zwar unglaublich viele Bücher über die Zeit des Mittelalters und natürlich auch über die Zeiten davor und danach gab, aber das waren alles so ziemlich ernste Geschichten. Und ich dachte mir: Die müssen doch, obwohl es die schlimmen Krankheiten und die bösen Herrscher gab, trotzdem mal Spaß gehabt und gelacht haben. Klar ist es nicht witzig gewesen, mit dem Ius primae noctis und schon mal gar nicht mit einem Blinddarmdurchbruch, wobei ich mich bei Letzterem gerade frage, ob es das Wort damals überhaupt schon gab beziehungsweise ob die gewusst haben, was da los war mit dem Appendix. Gut, jedenfalls wollte ich ein lustiges Buch über diese Zeit schreiben. Ich sagte meinem Verlag, was ich vorhatte und der Verlag meinte: "Gut." Euphorisch war dieses "Gut" nicht gerade, eher skeptisch, weil sie ja genau wussten, dass ich jetzt nicht mit einem tragischen Sachbuch um die Ecke kommen würde, in dem ich mich über Stoffqualitäten der seidenen Gewänder oder Holzpantoletten auslasse, auch nicht über die Erderwärmung zu dieser Zeit.

Ich beschloss, ein wenig auch aus Trotz, geschichtlich hundertprozentig korrekt vorzugehen, auch um den Leuten zu zeigen, dass ich sehr wohl lesen und recherchieren kann. Und genau da ging es los: Mit der Recherche. Es hatte alles so schön angefangen, ich wählte den beschaulichen Ort Münzenberg in der Wetterau für den Start des Romans, was einen Grund hatte: Auf Burg Münzenberg, genannt auch die Münzenburg oder das Wetterauer Tintenfass (als "Wetterauer Tintenfass" bezeichnet der Volksmund die Burg wegen ihrer doppeltürmigen Gestalt, die an das Schreibutensil früherer Tage mit je einer Flasche schwarzer und roter Tinte erinnert), bin ich früher oft gewesen. Die Burgruine aus dem 12. Jahrhundert war ein schönes Ziel, wenn man im Sommer mit dem Fahrrad unterwegs war, und etwas unterhalb der Burg gab es und gibt es immer noch ein sehr schönes Burgrestaurant mit einem wunderhübschen Biergarten, in dem man Äppler (hessisch für Apfelwein) und Handäs’ mit Musik vertilgen konnte, um sich für die Heimfahrt zu wappnen. Kurz gesagt, die Burg und die Umgebung (etwas außerhalb befindet sich heute immer noch ein Galgen) kenne ich wie die berühmte Westentasche.

Ich schweife ab. Ich wollte ja von der Recherche erzählen. Ja, herrje, es gibt ja so viele historische Persönlichkeiten, das konnte man doch schlecht auf eine Handvoll reduzieren. Nein, ich beschloss nach langem Ringen mit mir selbst, korrekte Geschichte Geschichte sein zu lassen und würfelte die mir genehmen Personen durcheinander. Und so ging es los. Lilian, die 17jährige aus Münzenberg, muss aus dem Örtchen flüchten, weil ihr der Scheiterhaufen droht, und das deswegen, weil sie es gewagt hatte, die Anti-Baby-Pille zu erfinden. Und nach und nach schließen sich ihr, ihrer Freundin Cäcilie und der gestörten Kuh Hiltrud immer mehr Leute an - warum auch immer. Ganz zum Schluss segeln sie rüber nach England und hier kommt es dann zum großen Finale. Mehr verrate ich jetzt nicht, nur eins noch: Dieses Buch zu schreiben hat solchen Spaß gemacht, unter anderem weil ich jetzt weiß, wann das Penicillin wirklich erfunden wurde und von wem, und dass es Moby Dick wirklich gegeben hat oder auch nicht. Und dass Anne Boleyn, die Frau von dem guten alten Heinrich VIII., eine sehr intelligente Frau war. Oder auch nicht. Ich weiß, wer den ersten Dildo geschnitzt hat und dass Botticelli eine zartbesaitete Seele sein Eigen nannte. Und warum? Weil ich das wollte. Tatsachenberichte konnten andere schreiben.

So war das. Und es war schön. Und sie hatten Spaß in dem Buch. Manchmal.

Zum guten Schluss noch mal an dieser Stelle an all diejenigen, die mir geschrieben und mich angemeckert haben, weil ich geschichtlich letztendlich doch nicht korrekt vorgegangen bin - hier verweise ich auf Seite 310 im Roman. Da steht: Unwahr ist... dass in Romanen alles wahr sein muss.

Noch Fragen?


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